Hochsommer am Ende der Welt
- Canicule à la fin des terres -
Der
Juli 2006 brachte Weltmeisterwetter nach Deutschland, aber genauso auch
nach Frankreich. Am Atlantik wurden über Wochen tagsüber
Temperaturen von weit über 30° gemessen. Auch nachts war es sehr
angenehm warm. In Großstädten muss es glühend heiß gewesen
sein, am Atlantik aber war es erträglich. Es gab immer ein kleines
Windchen, und die Wassertemperatur stieg an einigen Tagen sogar bis auf
25°, so dass man ohne den üblichen Atlantikschauder locker in
die Wogen eintauchen konnte. Kinder lagen zwischen Sand und Wasser und
ließen die kleinen Wellen über sich rüberspielen. Andere
Leute saßen mit einem Buch im Wasser, um sich abzukühlen. Am
Strand und im Ort herrschte eine lockere Stimmung, alles ging ruhiger und
gelassener vonstatten. Das Gemüse, vor allem die Salate waren schon
welk, bevor sie in die Auslagen kamen. Um Austern und sonstige Muscheln
machte man lieber einen Bogen bei diesen hohen Temperaturen, obwohl zu
lesen war, dass die Austernlarven das warme Wasser zum Wachsen lieben.
Die sonstigen Muscheln aber nicht. Sport wurde in die Abendstunden verlegt,
trotzdem war Tennisspielen außerordentlich schweißtreibend
und ratsam, nach einer Stunde aufzuhören. Der gute Bordeaux Rotwein
wurde viel zu warm und musste durch Rosé oder Weißwein ersetzt
werden, was durchaus auch ein guter Tausch war. Auch der Schreiber wurde
so faul, dass er erst jetzt, nachdem es im August etwas kühler wurde,
wieder seine grauen Zellen beschäftigen kann.
In der heißen Zeit im Juli fand die Fußball-WM in Deutschland
statt, die in Frankreich genauso begeistert, aber mit nicht so vielen
Fähnchen begleitet wurde. Die Rundfunkübertragung von Radio
Monaco vom Spiel Deutschland – Argentinien aber war auf jeden Fall
begeisternd; die Franzosen können sich einfach gut und schnell ausdrücken.
Haben auch alle deutschen Spielernamen genau gelernt und richtig ausgesprochen,
was bei Schweinsteiger z.B. für einen Franzosen nicht ganz
einfach ist. Die Endspiele sahen wir am Bildschirm in einer Wirtschaft,
umgeben von lauter Franzosen und ihren Kommentaren. Nur beim Endspiel
gegen Italien wurden sie immer stiller und packten ihre Fähnchen
und Nebelhörner ein. Das Thema war nur noch Zinedin Zidane. Wenn
er.., und wenn er nicht..., dann... usw.; dabei war alles schon
gelaufen. Aber gezeigt hat es sich, dass die alten europäischen
Fußballnationen Italien, Frankreich, Deutschland und Portugal so
eine WM unter sich ausmachen konnten. Die Fußballzauberer aus Südamerika
wurden entzaubert.
Auch
bei der großen Sommerhitze blieb die Kultur nicht auf der
Strecke. Das Musikfestival des Médoc, « les Estivales
de Musique au coeur du Médoc », bot ein volles Programm.
Beginn war, wie immer, in der Weinrotunde von Château Lafite-Rothschild.
In dem von Stararchitekt Ricardo Bofil entworfenen Kellerrund spielte
ein junger Chinese (Yingdi Sun) brillante Klaviermusik, am eindrucksvollsten
die Variationen der Tannhäuser-Ouvertüre von Richard Wagner/Franz
Liszt. Die Läufe perlten, dass der Steinway fast nicht mehr ausreichte,
und dazwischen immer wieder die Grundmelodie, „le Leitmotiv“.
Das Konzert begann mit einem kleinen Chaos bei der Einfahrt, die verlegt
worden und damit noch kurz vor Beginn verschlossen war. Ein Organisationsfehler,
vielleicht wegen der großen Hitze. Die beste aller Ehefrauen stieg
einfach durch das Tor, um den Fehler zu melden. Als sie innen stand,
wurde sie prompt als Baronin angesprochen, weil jeder dachte, sie würde
nun das Tor öffnen. Endlich kam auf den Hinweis hin ein Wächter
und öffnete die Tore mit dem Erfolg, dass das erste Auto, das in
der Zufahrt stand, nicht mehr anspringen wollte und den Eingang versperrte.
Ich griff mit einem Franzosen zusammen beherzt zu, und dann war der Weg
frei für den Beginn des Konzertes. Das Konzert endete mit einem „vin
d’amitié“, einem 95er Lafite-Rothschild. Diener in
Livree mit Kerzenleuchtern schenkten aus Magnum-Flaschen ein. So könnte
jedes Konzert enden.
Ein anderes Konzert
sollte im Park von Château Les Ormes de Pez
bei St. Estéphe stattfinden. Wegen eines sich möglicherweise
ankündigenden Gewitters und vor allem wegen der für den Flügel
zu hohen Temperaturen im Außenbereich musste es in die etwas kitschige
und sehr warme Kirche von St. Estèphe verlegt werden. Bratsche
und Klavier, gut gespielt, aber nicht begeisternd. Die 2. Halbzeit mit
einem Konzert von Schostakowitsch schenkten wir uns und fuhren gleich
in das Château zu Wein und Büffet. Das ganze Schloss mit seinem
wunderbar illuminierten Park gehört für eine halbe Stunde uns
allein. Viele freundliche Helfer schenkten uns herrlichen 99er ein und
unterhielten uns prächtig in Haus und Garten, bis die etwas gestressten
Konzertbesucher eintrafen, denen wir dann das Haus überließen.
Eine flotte Nachtfahrt brachte uns noch kurz vor Mitternacht in unser
Quartier, das um 0 Uhr pünktlich schloss.
Das Médoc ist von Wasser umschlossen, eine Art Halbinsel. Auf
der einen Seite der Atlantik, auf der anderen die Gironde. Wenn man Schiffsbesitzer
ist, sucht man überall eine ruhige Stelle zum Anlegen, die es an
der Meeresküste nicht gibt. Die neueste Entwicklung ist der Jachthafen
Port Médoc an der Nordspitze bei der Pointe de Grave. Der Hafen
ist gut angelegt, für viele Schiffe, aber mit schwieriger Einfahrt.
Es gibt 2 kleine Hafenrestaurants. Wir gehen immer in das rechte. Viel
los ist noch nicht. Die Jeunesse dorée tanzt dort noch nicht.
Aber der Wirt gibt sich große Mühe. Eine Lotte am Spieß und
Lamm, rosa gebraten, hat er serviert, dazu einen Clairet. Das schönste
aber ist die Hafenatmosphäre, vor allem wenn die Lichter angehen,
der Mond aufgeht, die Wanten an den Masten sirren, und der Blick über
das große heute ruhige Wasser gleitet, an das andere Ufer bis nach
Royan und zum Leuchtturm.
Es
gilt nun wieder Abschied zu nehmen von einem schönen Land und
dem schönsten aller Strände am Atlantik. Langer weißer
Sandstrand. Nur in der Saison viele Besucher, dennoch viel Platz. Die
Lebensretter vom CRS geben Sicherheit, i.ü. kann jeder machen, was
er will, textilfrei oder angezogen.Mit Surfbrett oder Doppeldrachen oder
Angel, bei Volley-oder Fußball, mit Hund oder ohne. Aber vor allem
sind viele Jugendliche dort, und man merkt, wie gut es ihnen gefällt.
Franzosen, Deutsche, Holländer und in der letzten Zeit immer mehr
Engländer, die man vor Jahrzehnten nur vereinzelt dort sah und die
jetzt eine große Besuchergruppe darstellen und sich offensichtlich
wohlfühlen, auch wenn die Franzosen sie immer noch „les Rosbif“ nennen.
Aber das schreiben sie so falsch, dass es sowieso niemand versteht. Aber „bonne
plage“ versteht jeder und wünscht es sich gern. Bis zum nächsten
Mal, à bientôt.
A B
August 2006 |